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„Da Kulm loud nix einer, loud oba a nix assi …“

„Da Kulm loud nix einer, loud oba a nix assi …“

Wenn in der Oberpfalz zwischen dem 25. April, dem Fest des heiligen Markus, und dem 14. September, dem Fest der Kreuzerhöhung, dunkle Wolken über den Kastler Berg ziehen und sich der Himmel über dem Hessenreuther Wald bedrohlich verfärbt, dann weiß man in der Pfarrei Kastl, was zu tun ist: Man bittet um Schutz – und spricht den Wettersegen.

Es ist ein Gebet aus tiefer bäuerlicher Erfahrung und christlicher Hoffnung, das seit Jahrhunderten in den katholischen Regionen Bayerns gepflegt wird. Auch heute noch wird es in der Pfarrei Kastl vom Pfarrherrn regelmäßig gesprochen – sei es in der Kirche, bei Flurprozessionen oder in stiller Andacht vor einem heraufziehenden Gewitter. Der Segen verbindet das Vertrauen auf göttlichen Schutz mit der Bitte um gutes Wetter, fruchtbare Felder und bewahrte Ernte:

Gott, der allmächtige Vater, segne euch und schenke euch gedeihliches Wetter;
er halte Blitz, Hagel und jedes Unheil von euch fern.

Er segne die Felder, die Gärten und den Wald
und schenke euch die Früchte der Erde.

Er begleite eure Arbeit,
damit ihr in Dankbarkeit und Freude gebraucht,
was durch die Kräfte der Natur und die Mühe des Menschen gewachsen ist.

Das gewähre euch der dreieinige Gott:
der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Dieser Segen wird nicht nur gebetet – er wird geglaubt, gehofft und mitgetragen. Denn die Menschen in Kastl wissen: Das Wetter entscheidet. Über Wohlstand oder Mangel, über Segen oder Sorge. Und sie wissen auch um die Kraft eines uralten Naturdenkmals, das über ihrer Heimat wacht: Der Rauhe Kulm

Es gibt in Kastl einen alten Spruch, den fast jedes Kind kennt – zumindest dann, wenn es von den Großeltern überliefert wurde: „Da Kulm loud nix einer, loud oba a nix assi.“ Auf Hochdeutsch: Der Rauhe Kulm lässt nichts herein, aber auch nichts hinaus. Damit ist nicht etwa Verkehr oder Kommunikation gemeint – sondern das Wetter. Genauer: Gewitter, Unwetter und lang ersehnter Regen.

Die Menschen der Region, insbesondere in der Pfarrei Kastl, haben seit Jahrhunderten beobachtet, dass der Rauhe Kulm, jener markante Basaltkegel in der nördlichen Oberpfalz, eine besondere Rolle in der regionalen Witterung spielt. Und sie taten das mit bäuerlicher Präzision – lange bevor es Satelliten und Wetterkarten gab.

Der Kulm als „Wetterteiler“

Die meisten Wetterfronten in Mitteleuropa kommen von Westen – vom Atlantik her, über Franken, in Richtung nördliche Oberpfalz. Und hier beginnt das Phänomen: Trifft eine solche Front auf den Rauhen Kulm, wird sie – so sagen es die Alten – nach Süden Richtung Pressath oder nach Norden Richtung Kemnath abgelenkt. Die Basaltkuppe des Kulms wirkt wie ein natürlicher Keil in der Strömung. Kastl und die umliegenden Dörfer bleiben dann oft verschont – sowohl von gefährlichen Hagelgewittern als auch von dringend benötigtem Regen.

Das hat zwei Seiten: Segen in Form von Schutz – aber auch Schatten in Form von Trockenheit. So mancher trockene Sommer, der in den Wetteraufzeichnungen des Pater Augustin Klier beschrieben ist, wurde mit einem Blick auf den Kulm kommentiert: „Wieder nix kumma. Da Kulm hat’s abg’haltn.“

Der Fluch der Ostwetter

Umgekehrt verhält es sich bei Gewittern, die von Osten über den Kastler Berg aufziehen – eine seltenere, aber nicht minder gefährliche Konstellation. In diesen Fällen „loud da Kulm nix assi“, denn die Front wird von der Ostflanke des Rauhen Kulms eingefangen und zurückgehalten. Was folgt, sind oft lange stationäre Gewitter, die sich zwischen dem Kastler Berg und dem Kulm festsetzen – ein geografischer Kessel, in dem sich schon einmal Himmel und Hölle entladen können. Die Ältesten der Dörfer erzählen, dass es in jeder Menschengeneration mindestens ein schweres Unwetter gab, das aus dieser Wetterlage resultierte – mit Hagel, Starkregen, Windbruch und Überschwemmungen.

Die Wetterberichte Augustin Kliers in den Jahren 1792 bis 1798 belegen vor weit über 200 Jahre genau dieses Naturphänomen mehrfach: Unwetter, die über Stunden über Kastl standen, während andere Dörfer davonkamen. Und gleichzeitig schreibt er auch von jener trockenen Not, wenn die Gewitter im Westen abgelenkt wurden und die Fluren vertrockneten.

Ein natürlicher Wall – und ein Mahnmal

Der Rauhe Kulm ist also kein bloßer Hügel. Für die Menschen der Oberpfalz war und ist er ein Schutzwall und ein Mahnmal zugleich. Einer, der „aufpasst“, aber auch einer, der manchmal den ersehnten Segen verwehrt. Die Alten kannten diese Doppelgesichtigkeit – und reagierten mit dem, was ihnen blieb: mit Demut, mit Gebet – und mit dem Spruch, der bis heute über der Landschaft steht wie der Kulm selbst.

„Da Kulm loud nix einer, loud oba a nix assi.“

Ein Satz, der mehr über Meteorologie, Erdgeschichte und Menschheitsweisheit verrät als manch akademisches Buch. Und einer, der Augustin Klier beim Blick aus dem Pfarrgarten auf die dunklen Wolken sicher oft durch den Kopf gegangen ist.

Zwischen Sturm, Frost und Fürbitte – Augustin Klier in Kastl, ein Mann seiner Zeit

In einer Epoche, die von Umbrüchen, Naturgewalten und politischer Unruhe geprägt war, trat ein Mann in Kastl seinen Dienst an, dessen Werk bis heute beeindruckt: Augustin Klier, Prämonstratenser-Chorherr des Klosters Speinshart, war von 1792 bis 1798 Pfarradministrator in der Pfarrei Kastl. Doch er war weit mehr als ein geistlicher Hirte. Klier war zugleich Chronist, Verwalter, Bauherr, Naturbeobachter und Seelsorger mit einem außergewöhnlich wachen Geist für die Sorgen und Lebensrealität seiner Gemeinde.

Seine sorgfältig geführten Wetteraufzeichnungen in der Pfarrchronik sind ein einzigartiges Zeitzeugnis. Mit scharfem Blick, feiner Sprache und tiefer Gläubigkeit schilderte er nicht nur die Kapriolen des Wetters, sondern verband sie mit Preisentwicklungen, Ernteaussichten, Seuchen und sozialen Spannungen – und immer wieder mit der Schutzfunktion des heiligen Donatus, des himmlischen Wetterpatrons.

1795 – Ein Jahr zwischen Dürre, Blitz und Gebet

In kaum einem Jahr zeigen sich die Kräfte der Natur und der menschliche Versuch, ihnen mit Hoffnung und Glauben zu begegnen, eindrucksvoller als 1795. Der Frühling beginnt vielversprechend, ja verführerisch früh – doch was folgt, ist eine Kette von Katastrophen. Zunächst fressen Heerscharen von Raupen Bäume und Gärten kahl, dann folgt eine monatelange Dürre. Der Regen bleibt aus, das Vieh hungert, die Felder verdorren. Der Chorherr notiert: „Eine allgemeine Dürre entstand, die besonders den Sommerbau sehr zurückhielt.“

Im Juni bringt ein gewaltiges Gewitter endlich Erlösung – doch auch Furcht. Über vier Stunden steht das Unwetter über Kastl, doch kein Blitz trifft. Klier schreibt das der „Fürbitte des hl. Donatus“ zu. In einer Zeit, in der Blitzeinschläge regelmäßig Tod und Zerstörung bedeuteten, war dies nicht bloß Frömmigkeit – es war gelebte Hoffnung in sturmbewegten Nächten.

Blitzschläge und Donatus-Prozessionen – Zwischen Angst und Vertrauen

Der heilige Donatus, dargestellt als römischer Legionär mit Schwert, ist in Kastl bis heute über dem Hauptportal der Pfarrkirche zu sehen. Viele wissen kaum mehr, warum. Doch im 18. Jahrhundert war er Schutzheiliger gegen Blitz, Feuer und Unwetter – ein Hoffnungsträger in einer Welt ohne Blitzableiter, ohne Frühwarnsysteme, ohne Versicherung. Immer wieder führt Klier das glimpfliche Davonkommen Kastls auf Donatus zurück. Während ringsum in Pressath, Windischeschenbach oder Kemnath Felder zerschlagen, Dächer abgedeckt und Feuer entfacht werden, bleibt Kastl verschont. „Ohne Zweifel durch die Fürbitte des hl. Donatus“, heißt es mehrfach. Kein Zufall, dass 1795 sogar eine achttägige Donatus-Betstunde abgehalten wird – mit Erfolg.

„So entsetzlich gewittert“ – und doch verschont

1795 ist ein Jahr, in dem sich die Unberechenbarkeit der Natur offenbart. Im Juni schlagen im benachbarten Oberfranken Hagelgeschosse wie „Conventionstaler“ ein. Im Juli kommt es in der Region zu einem Orkan von solcher Stärke, dass die „ältesten Leute solche Witterung nicht gedenken.“ Im Herbst verfault die Ernte, im Winter erfrieren die Erdäpfel sogar in gut geschützten Kellern. Am 13. März 1796 schließlich reißt das Schmelzwasser Straßen und Felder mit sich – „ganze Stücke Erdreich ausgeflötzt.“

Dennoch bleibt der Ton des Pfarrherrn nie verzweifelt. Er dokumentiert mit Demut – und mit Staunen. Und am Ende schreibt er einen Satz, der tief blicken lässt: „Dieses Jahr war ein gutes, richtig gesegnetes Jahr – nur an Obst war Mangel.“ Es ist nicht Ironie, sondern Ausdruck einer bäuerlichen Seele, die aus jedem Überleben ein Gottesgeschenk macht.

Ein letztes Leben für den Hopfen

In seinen Wetterberichten taucht ein heute vergessener Aspekt mehrfach auf: der Hopfenanbau. Klier erwähnt Würmer in den Reben, schwarze Blätter, verlorene Blüten. Damals war Hopfen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor – gebraucht zum Bierbrauen, aufwendig in Pflege und Ernte, anfällig für Witterung. Heute ist der Hopfen in Kastl verschwunden. Keine Gerüste mehr, keine Dolden. Nur Flurnamen wie „Hopfenacker“ erzählen von der Zeit, als hier noch das „grüne Gold“ wuchs. Klier ist einer der Letzten, der den Hopfen schriftlich würdigt – bevor er wortwörtlich im Nebel der Geschichte verschwindet.

Kastl als Mikrokosmos einer Welt im Wandel

Kliers Chronik ist mehr als ein Wettertagebuch – sie ist eine Übersichtstafel der Klimageschichte, ein Spiegel bäuerlicher Existenz und ein Denkmal gelebter Frömmigkeit. Sie erzählt vom Leben in der sogenannten Kleinen Eiszeit, einer Periode klimatischer Abkühlung, die Europa über Jahrhunderte plagte. Von Frost im Juni, Dürre im Mai, Schneesturm zu Pfingsten und Donnerwetter im Hochsommer. Sie erzählt von einem Dorf, das nicht verzagte, sondern betete.

Was bleibt – und was wir daraus lernen können

Mit dem Jahr 1798 endet Augustin Kliers Amtszeit – und seine Aufzeichnungen. Er geht zurück ins Kloster Speinshart, das Fenster zur Welt schließt sich. Doch sein Vermächtnis lebt: als Mahnung, als Quelle und als Beispiel für den Mut, mit dem Menschen einst den Gewalten trotzten. Seine Chronik erinnert daran, dass Wetter früher keine Randnotiz war, sondern Zentrum des Überlebens. Und dass Glaube mehr war als Zeremonie – er war eine Antwort auf Angst. Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft: Dass man selbst im schlimmsten Jahr noch sagen konnte – es war gesegnet.

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